Wer kennt es nicht, www.myhammer.de, das Portal, in dem Handwerkeraufträge an den günstigsten Bieter vergeben werden? Dort sah ich neulich folgende Anzeige:
„Küche und Hauswirtschaftsraum streichen, Arbeitsplatte erstellen und einpassen, Fußbodenleisten und Deckenleisten einpassen. Material muss bitte noch vom Handwerker gekauft werden. Wir zahlen bar, aber erst nach vollständiger Erledigung aller Arbeiten. Wir haben da leider schon mal schlechte Erfahrungen gemacht :-)“
Soweit so gut. Eyecatcher war für mich dann auch eher der Nachsatz: „Da wir eine junge Familie sind, können Gebote über 100,- Euro leider nicht berücksichtigt werden.“Nun kann ich wie viele routinierte Vertriebler schlecht kopfrechnen, dafür aber verdammt schnell präzise schätzen. Übung macht den Meister, gehen wir dass doch mal schnell gemeinsam durch: Werkzeugabnutzung, Farbe und Holz machen mindestens 40,- Euro. Wenn man dann schneller arbeitet als James Brown tanzen konnte, braucht man wohl mindesten 12 Stunden. Wer glaubt, dass das schneller gehen muss, hat noch nie Fußbodenleisten eingepasst. Ergibt einen Stundenlohn von 5,- Euro, oder? Falsch, weit gefehlt, Ihr habt den Arbeitgeberanteil von 20% vergessen, oder bei Selbstständigen die Steuer. Also ein sehr schlechter Deal, oder? Ok, aber was geht uns dass an, meine ich Euch grummeln zu hören. Eine ganze Menge, wenn man über die Inserenten nachdenkt.
Haben wir beinharte Neoliberale vor uns? Unwahrscheinlich, denn die meisten dieser höchst unsymphatischen Subjekte schlagen sich als Anwalt , Zahnarzt oder Geschäftsführer der Handwerksbude von nebenan durch, und wissen noch, was „leben und leben lassen“ bedeutet.
Konservative Reaktionäre also? Mal ganz im Ernst, wer den Wahlkampf verfolgt, der weiß, dass es keine Reaktionäre im rechtsfreien Raum Internet gibt.
Wer dann also? Nach Sherlock Holmes deduktivischer Methode muss nach Ausschluss aller anderen Hypothesen diejenige, welche sich nicht widerlegen lässt, die Wahrheit sein, wie unwahrscheinlich diese auch lauten mag. Es sind Leute wie wir, jemand aus der bürgerlichen Mittelschicht. Dafür spricht eine ganze Menge: Für Proleten heißt das nicht Hauswirtschaftsraum, sondern Rumpelkammer, Abstellraum oder Vorratskeller, wie meine empirischen Untersuchungen ergeben haben. Darüber hinaus ist das Wort „bitte“ ein ebenso starkes Indiz wie die mächtige Passivkonstruktion im Nachsatz.
Die gleiche Bürgerschicht, die Kaffee fair gehandelt haben will, auf jeden Fall gegen Tierversuche und für Bio ist, den allgemeinen Rechtsruck und die Kälte der Gesellschaft beklagt, und den Bankmanager Ackermann für eine Inkarnation des Teufels hält, scheut sich nicht, jemanden für unter 5,- Euro die Stunde für sich arbeiten zu lassen. Dieser Preis kann nur über die wirtschaftliche Not des Einzelnen unter Verzicht auf Sozialleistungen, und Arbeitnehmervertretungen durchgesetzt werden. Und das weiß auch jeder. Während jemand wie Ackermann meint, dass unter einem bestimmten Lohn nicht gearbeitet werden kann und deswegen nur die Alternative sieht, Mitarbeiter zu entlassen, denkt hier die die Gesellschaft tragende Mitte doch deutlich weiter: „Da wollen wir mal sehen, da geht bestimmt noch was!“.
Bevor ich mich noch weiter aufrege, gehe ich jedenfalls einen Döner essen, hier um die Ecke gibt es ein tolles Angebot für 1,49 Euro. Mal sehen, ob ich dazu noch eine Cola heraus handeln kann. Und wenn der Döner kalt oder die Cola warm ist, dann hat der mich als Kunden verloren, dass ist mal sicher! Als Verbraucher entscheide nämlich ich. Oder?
One Comment
1 Milestones wrote:
Word up! So ist es. Solche Latte-Macchiato-Familien mit Minimum zwei Prenzelzwergen (hihi, wie süß!) beschäftigen auch aserbaidjanische Nannys für 200 Euro im Monat. Denn die können ja froh sein, so mal aus ihren Käffern in die freie Welt zu gelangen. Und wer sagt, dass man im Wandschrank nicht prima wohnen kann?