… oder die Flucht aus Douglettistan.
Ich sitze gemütlich in dem ICE 0815 nach Nirgendwo. Ich erinnere mich dabei an dunkle Vorzeit, in denen ich noch nette Gespräche mit Sitznachbarn oder sonstigen Mitreisenden geführt habe. Moment mal, tue ich das wirklich? Wenn man es genau nimmt, erinnere ich mich nur an nerviges Kindergeblahe, seltsame Ausdünstungen von anderen Individuen und sonstigen Nervkram.
In schlimmster Erinnerung ist mir dabei eine Fahrt von Hamburg nach Bremen geblieben. Im Metronom. Pulsierende Schlagader zwischen norddeutschen Metropolen. Geschaffen für den schnellen, anonymen Transport von Menschen. Schnell ja, anonym nein. Denn ich wurde auf der gefühlt 36 Stunden langen Fahrt Teil eines Gesprächs, dem ich aufgrund verstopfter Legebatterien in allen Abteilen des Metronoms nicht entkommen konnte:
Douglette 1: Hoch, Du… mir ist da aber was passiert!
Douglette 2: Och, erzähl…
Douglette 1: Du, ich bin mit meinem Nagelstudio soooo unzufrieden.
Douglette 2: *seufz
Douglette 1: Eigentlich war ich bis jetzt ja suuuper zufrieden
(Eine ganz bestimmte Form des Douglettentums betont dieses „suuper“ dermaßen penetrant, dass ich auch ins Nagelstudio muss. Meine Fingernägel sind hoch geklappt.)
Douglette 1: Aber neulich, ne, da haben die mir echt den falschen Nagellack drauf gemacht…
Douglette 2: *seltsame Geräusche, die auf bevorstehendes Organversagen schließen lassen
Douglette 2: Eeecht?
Douglette 1: Ja… und da haben meine Nägel nicht mehr zu meinem Top gepasst…
Genau diese banalen Dialoge sind es, die Otto Normal in stoischer Ruhe über sich ergehen lassen kann. Ich kann es nicht. Zumindest nicht, wenn zusätzlich dazu Dougletten-Duft in hochkonzentrierter Form nach vorne wallt. Saddam hätte daran seine helle Freude gehabt, denn hätte er das gleiche Parfum im Bestand gehabt, hätte sein geschätzer Informationsminister wahrscheinlich recht behalten.
Ich lege all meine Kraft in meinen Blick und versuche, alle bekannten Naturgesetze auszuschalten. Ich will mit meinen Blicken töten können. Zumindest im übertragenen Sinne. Nachdem das Gespräch wie ein zäh fließender Magmastrom um meine kleine Zuflucht herummäandrierte, wurde ich endlich erlöst. Ich hätte nie gedacht, dass der Bahnansager mal positive Gefühle in mir auslösen sollte. „In wenigen Minuten erreichen wir Bremen Hauptbahnhof…“
Ich habe jeden einzelnen Anschlusszug während der Durchsage genossen. Potenziell könnten mich alle weit aus Douglettistan wegbringen.
Was hat das alles mit mobilem Internet zu tun? Das frage ich mich auch… ich düse mit 240 km/h durch die Landschaft, höre itunes, schreibe Blogeinträge und kann mich endlich von der Zwangsgemeinschaft der Mitreisenden abkoppeln. Zumindest bei Bedarf.